Beschreibung
Wahrlügen – Fragmente aus meinem Leben ist kein geschlossenes Erinnerungsbuch, sondern ein tastender Gang durch eine Kindheit im Nachkriegsdeutschland. In kurzen Szenen, Erinnerungsbildern, Tagebuchpassagen und erzählerischen Miniaturen tauchen kindliche Wahrnehmungen auf: frühe Verluste, unbeantwortete Fragen, eine Atmosphäre des Schweigens, die das ganze Land durchzieht. Zwischen dokumentarischer Erinnerung und bewusst markierter Erfindung entsteht ein vielstimmiges Geflecht, in dem frühe Erfahrungen im Licht späterer Selbstkritik betrachtet werden. Die erzählende Erwachsene tritt der eigenen Jugend als fragende Zeugin gegenüber. Politisches Erwachen, familiäre Prägungen und das lange Schweigen über die deutsche Katastrophe erscheinen nicht als abgeschlossene Themen, sondern als Erfahrungen, die sich im Rückblick zu prägenden Linien eines Lebens verdichten. Eine entscheidende Erweiterung erfährt diese Erinnerungsarbeit durch die Begegnung mit einer anderen Welt: durch das Leben und Arbeiten in Indien. Die Erfahrung kultureller Fremdheit wirkt wie ein Spiegel, zuweilen gar wie eine Zumutung. Von hier aus wird das Eigene neu gesehen und relativiert. Wahrlügen benennt die Bewegung, in der Erinnern und Erfinden ineinandergreifen und im Erzählen eine eigene Wahrheit hervorbringen – nicht als festes Ergebnis, sondern als etwas, das im Erzählen entsteht.