Als Lerntrainerin und selbst neurodivergente Frau gehören Diagnosen wie ADHS, Autismus und AuDHS zu meinem beruflichen wie privaten Alltag. Schon mit Anfang 20 hielt ich nach der Lektüre eines Fachbuches erleichtert fest: Ich bin gar nicht verkehrt, ich scheine ADHS zu haben, denn all das, was ich da lese, erlebe ich selbst. Doch wie Birgit Schmidtgrabmer in „Kopfchaos mit System“ so treffend beleuchtet, fiel auch ich damals bei der Testung durchs Raster. Zurück blieben Enttäuschung und Verunsicherung. Heute bin ich mir sicher, dass ich eine AuDHS-Diagnose erhalten würde. Nachdem ich dieses wunderbare Buch als Testleserin bereits vor der Veröffentlichung lesen durfte, kann ich sagen, dass ich in den letzten 20 Jahren sehr viel schon in die Richtung Selbstakzeptanz und Selbstliebe mit mir gearbeitet habe. Dennoch ist es wieder eine Erleichterung für mich, mich in "Kopfchaos mit System" so sehr wiederzufinden. Besonders die hervorragend und verständlich geschriebenen Kapitel rund um die Diagnostik haben mich unglaublich bestärkt, diesen Weg für mich vielleicht doch noch einmal zu gehen. Man fühlt sich beim Lesen durchgehend regelrecht "an die Hand genommen".
Was mir an Birgit Schmidtgrabmers Arbeit schon immer gefallen hat - ich empfehle ihre Bücher zu Legasthenie und Dyskalkulie restlos begeistert an die Eltern meines Lern- und Seminarzentrums weiter - ist auch hier wieder spürbar: Sie versteht es meisterhaft, ein derart komplexes Thema so aufzubereiten, dass es für uns ProfessionistInnen genauso spannend ist wie für Laien. Die Inhalte lesen sich wunderbar flüssig und angenehm. Ich feiere solche Fachbücher!
Besonders hervorheben möchte ich den völlig uneingenommenen, wertfreien Blick der Autorin. Sie drängt einem keine strengen Lösungen auf, sondern zeigt vielfältige, gut strukturierte Wege und Optionen im Umgang mit der eigenen Neurodivergenz auf. So kann jede Leserin und jede Familie ganz für sich entscheiden, welcher Ansatz sich stimmig anfühlt. Genau das macht das Buch so unglaublich wertvoll und praxisnah.
Wenn ich einen klitzekleinen Kritikpunkt anbringen müsste, dann ist es die Tatsache, dass sich manche inhaltlichen Aspekte im Verlauf leicht wiederholen. Gleichzeitig verstehe ich den pädagogischen Wert dahinter voll und ganz: Es ist einfach essentiell, immer wieder zu betonen, dass wir es beispielsweise aktuell nicht mit einem „Instagram-Trend“ oder „Diagnose-Boom“ zu tun haben, bei dem man quasi eine Diagnose haben muss, um "in" zu sein. Das Buch macht stattdessen unmissverständlich deutlich, warum es eben erst seit Kurzem überhaupt möglich ist, Mädchen und Frauen treffsicher zu diagnostizieren: weil alle bisherigen Verfahren schlichtweg auf Buben und Männer ausgelegt waren und frauen- sowie zyklusspezifische Unterschiede unbeachtet blieben.
„Kopfchaos mit System“ ist ein grandioses Buch, das eine echte Bereicherung darstellt. Selbst wenn man schon sehr viel zu diesem Thema gelesen hat, entdeckt man Neues und schöpft wieder mehr Leichtigkeit für das eigene Leben. Ich hatte so oft diesen „ENDLICH verstehe ich dies und jenes besser“-Moment. Man wird von der ersten Seite an auf Augenhöhe abgeholt. Frau Schmidtgrabmer leistet mit ihren Werken einen messbaren Beitrag zur Aufklärung.
Aber nicht nur für mich selbst und meine berufliche Praxis ist dieses Buch ein absoluter Gewinn, sondern auch im alltäglichen Trubel mit meinen beiden Töchtern hat es mir unglaublich geholfen. Durch die treffenden Beschreibungen kann ich im Nachhinein oft noch viel genauer einschätzen, warum diese oder jene Situation genau so abgelaufen ist, wie sie eben abgelaufen ist. Das Buch gibt mir wertvolle Werkzeuge an die Hand, um in Zukunft noch feinfühliger auf sie eingehen zu können. Mein Verständnis für ihre ganz eigenen Wahrnehmungs- und Gefühlswelten ist durch die Lektüre noch einmal enorm gewachsen – ein echtes Geschenk für unseren gemeinsamen Familienalltag.
Als neurodivergente Mama, die mit einem neurodivergenten Mann verheiratet ist und zwei wundervolle neurodivergente Kinder hat - und als Lerntrainerin, die vor allem mit neurodivergenten Schulkindern arbeitet - kann ich aus tiefstem Herzen sagen: DANKE, Frau Schmidtgrabmer! Ich empfehle dieses Buch uneingeschränkt weiter und freue mich schon jetzt auf jedes weitere Werk aus Ihrer Feder.